Das Beispiel

Die recherchierten Texte erzählter Behinderung decken ein breites Spektrum erdachter oder erlebter Vorstellungen und Erfahrungen von Menschen mit Behinderung ab; gleichzeitig erstrecken sie sich über einen weiten Horizont möglicher Textsorten: Romane, Erzählungen, Märchen, Geschichten und Erfahrungsberichte werden für die Datenbank berücksichtigt.

Das Beispiel erzählter Behinderung vermittelt denn auch nicht mehr und nicht weniger als einen Eindruck davon, welche Erkenntnisse Lektüre und Interpretation literarischer Texte über Erfahrungen und Vorstellungen von Menschen mit Behinderung ermöglichen. Der Beispieltext „Georgs Schullebenslauf“ (Paulmichl 1987, 13) stammt von Georg Paulmichl und steht für die Lektüre zur Verfügung; die Interpretation steht unter dem Titel „Dichter bin ich immer noch...“ (Gruntz-Stoll 2010).

 

 

Georg Paulmichl
Georgs Schullebenslauf

Zuerst bin ich in Prad Kindergarten gegangen.
Im Kindergarten hat es mir gefallen.
Ich habe manchmal auch für das Leben gekämpft.
Nachher bin ich in Mals beim runden Turm in die Schule gegangen.
Die Schule ist für mich ein Beruf.
Schulegehen schadet nicht, es schadet auch den Erwachsenen nicht.
Dann bin ich in ein Heim nach Vorarlberg gekommen.
Die Klosterfrauen sind zu streng mit mir gewesen.
Sie haben einem mit einem Stecken auf die Hände geschlagen.
Schlagen ist eine Sünde.
Im Heim haben mir die Schlafzimmer am besten gefallen.
Wenn man schläft dann träumt man.
Nachher bin ich in die Werkstatt gekommen.
In der Werkstatt gefällt es mir sehr gut.
In der Werkstatt bin ich ein Dichter.
Dichter sein ist ein feiner Beruf.
In der Werkstatt sind alles Behinderte.
Ich bin nicht behindert, ich kann reden.
Ich will immer Ruhe haben.
Die Künstler brauchen immer Ruhe.
Ich möchte das ganze Leben in der Werkstatt bleiben.


Aus: Paulmichl, Georg (1987) strammgefegt. Geschichten, Märchen und Bilder. Zusammengestellt von Dietmar Raffeiner und Gabriel Grüner. Bozen (O.A.). (S. 13)

 

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