Die Interpretation

Literarische Texte – wie das Beispiel „Georgs Schullebenslauf“ (Paulmichl 1987, 13) von Georg Paulmichl – lassen sich auf ganz unterschiedliche Weise lesen und deuten: Traditionellerweise setzt sich die Textinterpretation mit den Inhalten und Formen auseinander und stellt diese in grössere Zusammenhänge – etwa des Lebens oder des Werks der Autorin oder des Autors.

Die Interpretation literarischer Texte in Verbindung mit erzählter Behinderung erweitert diese Form des so genannten „Close Reading“ (Moretti 2009, 10) um jene des „Distant Reading“ (ebd. 7), welche Motive oder Sorten von Texten in ihrer historischen Entwicklung untersucht. Die Verbindung dieser Lesarten ergibt das ‚Focused Reading’, wie es im Rahmen des Projekts erzählter Behinderung eingeführt und ausgearbeitet worden ist.

 

„Dichter bin ich immer noch...”
Spuren des Andern in den Texten von Georg Paulmichl

Georg Paulmichl feierte 2010 in Prad seinen fünfzigsten Geburtstag; geboren ist der Dichter und Maler am 18.4.1960 in Schlanders im Vinschgau. Sein Vater schreibt dazu: „Seit der Geburt geistig behindert” (Paulmichl 2008) und fährt fort: „Mit fünf Jahren Kindergartenbesuch im Heimatort Prad. Vom 7. bis 14. Lebensjahr Sonderschule ‘Jupident’ in Vorarlberg. Weiterer Schulbesuch bis zum 17. Lebensjahr in Mals. Ab 1977 Besuch der Behindertenwerkstatt.” (Ebd.) Aus der Sicht des Betroffenen, also mit Georg Paulmichls eigenen Worten, liest sich das etwas anders; in „Georgs Schullebenslauf“ (Paulmichl 1987, 13) erinnert sich der Künstler an die Kindergarten- und Schulzeit, beschreibt die Ankunft in der Werkstatt und den Beruf des Dichters. Für Georg Paulmichl ist die Werkstatt rückblickend der Ort, wo er Dichter und Künstler (geworden) ist. Doch was lässt sich darüber hinaus aus Georg Paulmichls Texten lernen? Auf welche Weise tragen Lektüre und Interpretation zum heilpädagogischen Verstehen bei? Und schliesslich: Welchen Beitrag leisten die erzählten Geschichten zur Narrativen Heilpädagogik?  

Ein Forschungs- und Publikationsprojekt im Rahmen Narrativer Heilpädagogik am Institut Spezielle Pädagogik und Psychologie der PH FHNW sucht Antworten auf diese und eine Reihe weiterer Fragen. Unter dem Titel „Ich habe Glück gehabt, dass es mich gibt” (Gruntz-Stoll 2010) setzen sich Johannes Gruntz-Stoll, Meja Kölliker Funk, Christian Mürner, Jan Weisser und Elsbeth Zurfluh aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Georg Paulmichls Weg zum Wort, mit den Spuren des Anderen in seinen Bildern und Texten auseinander.

>> Vollständiger Text “Dichter bin ich immer noch...” als PDF-Datei